Hamburg Diary

#1
Mitten in der shoppingtüchtigen Menschenmenge öffnet sich per Zufall ein Blicktunnel: ein alter Kronleuchter spiegelt sich in die Gläser einer winzigen Bar, eine Prachttreppe thront auf einem oskarroten Teppich. Ich fühle mich magnetisch angezogen, ich weiß es sofort. Ein altes Kino, ein echtes Juwel mitten in der Hamburger Einkaufsmeile. Hinter der Theke lächelt mich ein langhaariger, schlacksiger Typ an. Ich frage nach einer Filmempfehlung und bleibe wie angegossen stehen. Als hätte er auf meine Frage gewartet, stellt er sich hin und erklärt mir mit faszinierenden tanzpädagogischen Bewegungen und jeder Menge Herzblut, warum ich genau diesen Film nicht verpassen sollte. Ich hasse Filme, die im 19. Jhr spielen und eine kitschige Romanze darstellen, und im gleichen Moment denke ich: ich möchte ihn doch sehen! Ich schmunzel.

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#2
Die Speicherstadt riecht nach Zimt. Ich folge meiner Nase und versuche die Quelle dieses magischen Geruchs zu entdecken. Ab in ein verdächtiges Cafe entdecke ich einen leckeren Cappuccino, aber leider keine Spur von Zimt. Es duftet weiter so. Ich stelle mir vor, alle Hamburger Bäcker hätten sich an diesem Vormittag hinter den roten Ziegelsteinmauern versammelt und würden das größte Franzbtötchen der Welt vorbereiten. Ich schmunzel.

#3
Es ist trüb, der Nebel hält die Stadt zärtlich in seiner Umarmung. Ab und zu ragen die rostigen Gerippe der Kräne aus dem milchigen Weiss heraus. Ich fröstele vor der Elbphilharmonie mit Blick auf den tosenden Fluss. Das Gute an Fähren ist, dass man sich im Warmen ausruhen, eine heisse Schokolade trinken und auf den Fluss schippern kann. Und es ist fast so gemütlich wie auf dem Sofa Zuhause. Die Scheiben sind beschlagen, draußen spielen Wind und Wasser zusammen und schlagen gemeinsam auf die Frontscheibe der Fähre. Es beruhigt mich, die Landschaft an mir vorbeiziehen zu lassen. Gegenüber mir sitzt ein junger Glatzkopf, der stolz seinen T-Shirt-Aufdruck „Ich bin Preuße“ präsentiert. Sein Anblick ist verstörend und ich schaue mir die Details an. Er putzt sich die Nägel mit einem riesigen Jagdmesser und trinkt selbst eingefülltes Bier aus einer ursprünglichen Plastik-Wasserflasche. Sein Gesicht ist grimmig und die eingeblendeten Musiktexte auf dem youtube-player düster und heimatgerichtet. Ihn bringen sie zum Dösen, mich zum innerlichen Ausrasten. Zehn Minuten später steigen wir beide aus. Vor dem Ausstieg kramt er in seinen Rucksack. Ich stelle mir vor, wie eine Reichsflagge gleich hier gehisst wird. Mein Unglaube grenzt ans Unendliche, als ich den grossen Sack voller Äpfel und Birne erblicke. Auch Nazis essen Äpfel und Birnen. Wahrscheinlich ausschließlich deutsche. Genauso wie ich. Ich schmunzel.

#4
Es ist sieben Uhr morgens in Hamburg – dunkel, nass und irgendwie fantastisch diese Landungsbrücken. Und es ist Fischmarkt, wie an jedem Sonntag. Die heisere Stimme vom Bananen Fred, einem der bekanntesten Marktschreier drängt sich in meinen müden Kopf. Er witzelt mit einem übernächtigten Marktbesucher in bayerischer Lederhose herum, zugespitzt, pfefferig und unterhält die krebsbrötchenkauende Marktmenge. Für dich, mein Junge, ganz besonders, eine kernlose Banane. Solche habt ihr nicht in Bayern oder? Meine Lippen schmunzeln. Weiter zum Aal Dietrich, 2 für 4, der beste Aal von Hamburg höre ich ihn schreien. Und der beste Aal von Hamburg landet alle 10 Sekunden auf der Theke. Die Aalpeitsche. Happy Joes Grinsen ist die beste Werbung für seinen Kaffeewagen. Er und seine Rastas tanzen im Takt der Reggae-Mucke, während er Kaffeebecher und Herzen faüllt. Ich setze mich ans Elbufer und beobachte die Möwen, die schimmernd weiß durch den morgendlichen Dunst schweben. Vor dem goldenen Sonnendisk. Ich halte stil und versuche die Unendlichkeit einzuatmen. Möwenrufe, Marktschreier, Kirchenglocken und die Joe Cockers Coverband. Um halb zehn morgens tanze ich vor einer Rockbühne mit Einkaufstüten voller Fisch und Gemüse zwischen hunderten anderen. Ein ganz normaler Sonntagmorgen in Hamburg. Ich schmunzel.

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#1
In between the shopping crowd suddenly a hole opens and I can see through it: a reflection of an old chandelier on glasses of a tiny bar, a magnificent staircase, sitting enthroned on a Oscar-red carpet. I feel magnetically attacted, I know it immediately. An old cinema, a real jewel in the middle of the big shopping street of Hamburg City. A long-haired, lanky guy smiles at me. I ask about a movie recommendation and stay still like a stone. As if he would have waited for this question for ages, he stands up straight and explains to me with specific movements (I resume from Dance Pedagogy), putting his heart and soul on it, why I shouldn’t skip this movie. I hate movies, which have cheesy stories from the 19th century, and in this moment I’m thinking: I want to watch it! I’m grinning quietly to myself.

#2
The warehouse City smells like cinnamon. I follow my nose and try to find out the source of this magic smell. Off to a suspicious cafe and I find a tasty cappucino, but no trace of cinnamon. The smell is all around me. I imagine, how all the backers of Hamburg gather together behind the red brick walls and prepare the world biggest Franz-bread. I’m grinning quietly to myself.
#3
It’s foggy, the fog is holding the city in its embrace. Now and then rusty skeletons of cranes stick out of the milky White. I feel fucking cold in front of the philharmony of Hamburg, watching the foaming river. The good thing about ferries ist that you can warm yourself, drinking a hot chocolate and cruising around. And it is indeed as comfortable as your couch at home. The windows are steamed up, outside water and wind are playing together, punching the windscreen of the ferry. I calm down letting the landscape pass by. A young skihead sits opposite us, wearing his t-shirt „I am from Preußen“ with a certain amount of proud. It’s a disturbing sight and I examine the details carefully. He is cleaning his nails with a big knife, drinking self filled up beer from a plastic bottle. He has an angry face, the lyrics at his youtube player are dark and related to the homeland Germany. They make him sleep and I go ape. Ten minutes later we get off the ferry. Just before that he is rummaging around in his backpack. I imagine, how he would hoist a big Nazi reich flag. My scepticism borders on infinity as I recognize a big bag full of apples and pears. Even Nazis eat apples and pears. Probably only german ones. Just like me. I’m grinning quietly to myself.

#4
It’s seven o’clock in the morning in Hamburg city – dark, wet and somehow fantastic these landing bridges. And it’s fish market time, just like every Sunday. The throaty voice of Banana Fred, one oft he most famous market crier push itself in my tired head. He’s joking around with a worn out market visitor with a bavarian leather trousers. For you, my chap, especially for you, a seedless banana. You don’t have such bananas in Bavaria, do you? My lips are grinning. Off to Eel Dietrich, 2 for 4, the best eel in the whole city, I hear him yelling around. And the best eel of Hamburg is landing every ten seconds on the bar. The eel whip. Happy Joe’s smile ist he best ad for his coffee truck. He and his rastas are dancing in step of the reggae music, while he fills up coffee mugs and hearts. I sit down at the river coast and watch the seagulls, gleaming and floating through the morning haze. Just in front of the sun disc. I remain still and try to breathe in the infinity. Seagulls call, yelling of the market criers, church bells and the Joe Cocker’s cover band. At half past nine in the morning I am dancing in front of a rock stage, carrying shopping bags full of fish and vegetables, just like hundreds of other people around me. A pretty normal Sunday morning in Hamburg. I’m grinning quietly to myself.

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Glühwein gegen die Hamburger Kälte
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Sooo viel Wasser…
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Magische Stimmung um 7 Uhr morgens am Hafen
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Möwen beobachten, auf den Sonnenaufgang warten und guten Kaffee trinken
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Kurz vor 9 werden die Fischstände schon aufgeräumt
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Das waren die frühesten Seifenblasen, die ich je erlebt habe
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Rocken und tanzen mit Einkaufstüten voller Fisch

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